Review< Zurück 26.05.2009

Franklyn

Von Nick Gruber

"Wenn du verloren bist," heißt es, "glaubst du an alles". In "Meanwhile City" darf man auch an alles glauben. Solange es eben eine echte Religion ist, in deren Hände man seinen Geist legt. Denn Atheisten landen dort schnell in genagelten Kisten.

Der Film besteht aus mehreren scheinbar voneinander unabhängigen Handlungssträngen: Plot Nr. 1 spielt im England der Gegenwart und zeigt das Leben der morbid-intelligenten Emilia (Eva Green), die monatlich ihren Selbstmord plant - als Kunstprojekt. Weiters darf man dem jungen Milo (Sam Riley) dabei zusehen, wie er sich die pure Liebe seiner Kind- und Jugendzeit in die Gegenwart wünscht.  David Esser (Bernard Hill) ist ein besorgter Vater, auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Die drei kennen sich nicht.

Handlungstrang Nr. 4 begleitet Preest (Ryan Phillippe) durch die grotestk-futuristische Metropole "Meanwhile City",in der er auf der Jagd nach einem gefährlichen Sektenführer ist, und sich als letzter Behüter der Vernunft beschreibt. Preest spricht davon, dass dieser Prophet ("The Individual") für den Tod einer unschuldigen 11jährigen verantwortlich gemacht werden muss - und wenn der Behördenapparat für solche Aufgaben nicht gebraucht werden kann, so muss er selbst für Gerechtigkeit sorgen. Seine Stimme beschreibt diesen Weltverdruss und erlaubt dem Zuschauer Zugang zu seiner Seele:

"Wenn ein Gott Böses verhindern will, aber nicht kann.... dann ist er nicht omnipotent.
Wenn er fähig dazu ist, aber nicht möchte. Dann muss er böswillig sein.
Wenn er weder willig noch fähig ist - warum sollte man ihn dann "Gott" nennen?"

Spiritualität ist in "Meanwhile City" nichts Seltenes - im Gegenteil. Die Welt, die Regisseur und Autor Gerald McMorrow beschreibt, sieht für jeden Bürger eine Art Religionspflicht vor. Dabei ist es nicht so wichtig woran man glaubt - Hauptsache nur, man hat einen Halt, der weder durch Rhetorik noch Wissenschaft zum Wackeln gebracht werden kann. Es herrscht eine Art von Anarcho-Demagogie, die in ihrer Darstellung optisch ganz stark an Stanley Kubricks Clockwork Orange erinnert. Die Leben  dieser dem Geist beraubten Lemminge nehmen in Konsequenz alle den selben Verlauf - sie werden alt, krank, unglücklich und sterben. Preest hat das erkannt und trägt als Zeugnis davon ein Tatoo auf dem Rücken: ein Atomkern, umschwirrt von Elektronen.

Je weiter der recht informationsgeizige Film voranschreitet, desto klarer treten die Ursachen für die Entfremdung der Charaktere von der Welt zu Tage - man bekommt ein Gefühl für das Ausmaß der Last an kleinen Alltagsschmerzen unter der alle vier sensiblen Gemüter leiden und sieht wie sie näher in Richtung innerer Leere getrieben werden. Der melancholische Unterton, den der Film für die Darstellung der Gegenwart anschlägt, wird durch diesen beängstigenden Blick auf die Zukunft gerechtfertigt und bestärkt. Man beginn als Zuseher also mit allen zu sympathisieren und wird neugierig, ob es zusätzlich zu diesem Schmerz noch weitere gemeinsame Nenner zwischen den Protagonisten gibt. Einer davon hat rund 12mm Durchmesser und besteht aus Blei - jetzt weiterzusprechen würde aber den ganzen Spaß verderben.

Wobei als Fazit gesagt werden muss, dass Spass in diesem magenschweren Werk keinen großen Platz einnimmt - die Entscheidung für den Film sollte also tatsächlich vom eigenen Bauchgefühl und der emotionellen Verfassung abhängig gemacht werden. Will man sich nicht darauf einlassen, dann ist es reine Zeitverschwendung. Möchte man aber ganz darin aufgehen, dann sollte man nicht erwarten später noch in Partystimmung zu sein.

Meine Wertung:
3.5 Kinomos